Was in der Kultur ansteht
am Mai 28, 2018
Teil einer Antwort auf die Not in der Kulturpolitik in Graubünden:
Die anstehenden Aufgaben in der Kulturpolitik sind gross. Wo ich dringenden Bedarf sehe:
• Die Dienststelle für Kultur muss reorganisiert werden.
• Die Kulturkommission muss reorganisiert werden.
• Hearings mit Kunstschaffenden und Leistungsträgern, und zwar regelmässig 2x pro Jahr. Es muss darum gehen, gemeinsam ein Bewusstsein zu erarbeiten, was es in unserem Kanton heisst Kunst und Kultur zu schaffen.
• Vermehrter Einbezug auswärtiger Experten, um Kompetenz und Transparenz zu erreichen.
• Aufarbeiten der Vergangenheit der Ära Jäger. Vorher ist kein wirklicher Neubeginn möglich.
• Einforderung der Medien auf ihre Funktion in der Demokratie, die 4. Gewalt zu sein. Für die Kultur bedeutet das Reflexion und kontroverse Diskussion über die Kunst, die Zeit, die Gesellschaft etc.
• Zudem:
• Es gibt zu wenig Begegnungsorte für Kulturschaffende und Kulturinteressierte. Das gilt für Chur, aber vor allem auch für abgelegene Orte. Die Vereinzelung der Künstler und Künstlerinnen ist oft gross. So wie die Dörfer immer häufiger ohne Post, ohne Laden und ohne Beiz sind, sind Kunstschaffende ganz ohne Treffs. Bedeutende Impulse für die Kunst kommen aber immer wieder aus Freundschaften, künstlerischen Vereinigungen, Gruppen. Für die jungen Künstler und Künstlerinnen könnte das Kabinett der Visionäre ein Modell sein. Solche initiativen Projekte müssten aber mehr geachtet und besser finanziert werden.
• Die Kultur ist ein Teil unserer Verortung. Daher müssten Kulturbeauftragte in den Regionen Impulse aufnehmen und selber Impulse geben. Abwanderung wird einerseits durch die Schaffung von Arbeitsplätzen vermindert, vor allem aber auch durch ein Gefühl, verortet und kulturell zu Hause zu sein. Das ist eine Aufgabe, die auch die Schule wunderbar übernommen hat und weiter übernehmen kann. Daher ist es eine Chance, dass Kultur und Schule im selben Departement sind.
• Die so genannte Volkskultur ist bekanntlich die Kultur der Leute. Die Kultur der Leute aber hat ihre Wurzeln oft in tiefer Vergangenheit. Diese Wurzeln ohne Nationalismus zu würdigen und auch die neuen Blüten dieser Pflanze zu fördern ist dringlich, damit die ganze Bewegung der Tradition nicht versteinert, sondern lebendig bleibt und sich weiter entfaltet. Daher muss über ein Zentrum für die Kultur der Leute nachgedacht werden, wo nicht intellektuell debattiert, sondern gemeinsam Wege in die Zukunft besprochen, vorgedacht und vorgemacht werden können. Ein Haus für die Tradition und ihre fortwährende Erneuerung.
• Weitere erste Ideen: Podien, auf denen die Künstler und Künstlerinnen debattieren können. Foren. Nicht nur digitale. Orte, wo Impulse gegeben und genommen werden können. Ein Filmpodium, in Chur mit Ausstrahlung in die regionalen Kinos, welches historisch wichtige Kunstwerke der Filmgeschichte zeigt, usw.
• Gespräche mit den Anrainerstaaten, kulturelle Verbindungen knüpfen oder aktivieren, z. B. mit Italien und Österreich. Entsprechende Bunders – und EU-Töpfe zB das Interreg: Regionalprogramm der Europäischen Union werden viel zu wenig ausgeschöpft.
• Die Vermischung von Kultur und Tourismus ist nicht weiterführend. Es braucht keine weiteren Leuchttürme um der Gäste willen. Die bestehenden Institutionen sollen ihre Aufgaben wahr nehmen und gestärkt werden.
• Und dann:
Das WEF steht für die Globalisierung, die Kritik an der Globalisierung und die Kritik an der Kritik an der Globalisierung. Ansonsten ist es ein Stelldichein der Topshots aus Politik, Wirtschaft und Kultur.
Nach der themenzentrierten Interaktions-Theorie von Ruth Cohn ist es wichtig, was an den Rändern eines Ereignisses, einer Gruppe oder Organisation läuft. Denn der Blick von den Rändern ist oft schärfer und genauer als die Betriebsblindheit der Menschen, die mittendrin stecken.
Kultur und Politik in Graubünden hätten während den letzten Jahrzehnten die Chance gehabt, einen Ort der Reflexion zum schaffen und die Frage der Globalisierung und die Zukunft der Gesellschaft und der ganzen Welt mit Philosophen, Musikern, Schriftstellern und bildenden Künstlern zu reflektieren, ohne Teil des WEF zu sein. Wir haben es bisher nicht gemacht. Diese Aufgabe müsste dringend an die Hand genommen werden. Ich denke an Vorträge und Einwürfe von Koryphäen wie Giorgio Agamben, Jean Ziegler, Wendy Brown, Remo Largo, Hartmut Rosa, Franco Cavalli, Andreas Gross und vielen mehr, die nie an ein WEF eingeladen werden und zum Thema der Globalisierung und dem Zustand unserer Zeit entscheidend mehr zu sagen haben als viele Topshots in Davos.
In der Geistesgeschichte sind in Davos nicht nur die Freiheitsbriefe geschrieben worden. An den Davoser Hochschulkursen versammelte sich in den 1930er-Jahren jedes Jahr die Elite der europäischen Intellektuellen zu Wochen des Austauschs und der gemeinsamen Arbeit. Dieser Raum zur Reflexion müsste auf einer intellektuellen Ebene stattfinden, aber auch auf einer künstlerischen, musikalischen, literarischen Ebene. Die Politik kann diese Aufgabe nicht selbst übernehmen, müsste aber entsprechende Impulse aufnehmen und auch geben.
• tbc